Test: Swiftpoint Z

Wer hat es noch nicht erlebt: Bei der Flucht vor den Cops in GTA nach einer Aktion, die direkt fünf Sterne würdig ist, kommt ein Helikopter mehr als gelegen. Das Steuern dieses digitalen Luftpanzers will erfahrungsgemäß geübt sein. Grundsätzlich hilft ein Ausweichen von Maus und Tastatur auf einen Controller wie den der Xbox One. Eine präzise Steuerung eines solchen oder vergleichbarer Vehikel macht analoge Eingaben unabdingbar

Nun stellt euch mal vor, eure Maus könnte diese Aufgabe übernehmen – und noch viele andere. Alles in einem; ohne die Notwendigkeit eines Controllers, Makrotasten an der Tastatur und Co. Dieses Monstrum existiert und hört auf den Namen Swiftpoint Z. Fun Fact: Sie gewann direkt den “Best of Innovation”-Award der CES 2017. Fun Fact 2: Das wird nun vermutlich der umfangreichste Testbericht auf VR-Freaks.

Unscheinbar mächtig

Das Unternehmen aus Neuseeland ist bis dato in erster Linie für seine innovativen Lösungen für Präsentationen und fürs Arbeiten unterwegs bekannt. Doch das war den Nerds aus Christchurch irgendwann nichtmehr genug: Gaming ist der neue Goldrausch und eine entsprechende Innovation fehlte gerade im Maussektor. Zwar gibt es Mäuse mit taktilem Vibrationsfeedback, Makrosystemen, austauschbaren Teilen und mehr schon einiges Zeit auf dem Markt – doch keine vereint alle Möglichkeiten und Ideen in einem Gerät.

Was an dieser Stelle noch nach einem feuchten Nerd-Traum und vielleicht banalem Overkill klingen mag, ist mittlerweile wahr geworden: Mit dem nicht minder pompösen Namen “The Z” brachte Swiftpoint nun nämlich genau diesen Alleskönner auf den Markt. In einer nicht minder wertigen Verpackung, welche Professionalität durch Look geradezu versprüht, kam das Monster vor einiger Zeit bei mir an und ich nicht umhin, mir lange und umfangreich eine Meinung hierzu zu bilden.

Schon das Öffnen des Reißverschlusses des Z-Etuis offenbarte mir die Bestätigung, dass man sich hier nicht bekleckert hat: Die Z kommt neben der puren Maus und ihrer Tasche mit etwas mehr als ein Dutzend Zubehörteilen daher. Falls ich bis zu diesem Punkt dachte, dass dies ein kurzer Ritt werden könnte – ich habe mich nie schwerer getäuscht.

“…denn wir sind viele.”

Ich muss spontan an eine Stelle aus der Bibel, nämlich Markus 5:9 denken: Als Jesus auf einen Besessenen traf und sich dieser als Legion vorstellte. “…denn wir sind viele” war die Erklärung und ein Zugeständnis an die zu vermittelnde Macht des Dämons. Auch die Swiftpoint Z könnte sich mit diesen Federn schmücken, denn die eben erwähnten Zubehörteile sind keineswegs visueller Natur. Viel mehr bringt jede einzelne Veränderung am Äußeren der Maus gänzlich neue Funktionen und fast schon Handhabung mit sich. Wäre dem nicht genug, liefert Swiftpoint einen Vibrationsmotor, Höhensensor und ein integriertes OLED-Display gleich mit!

Um die eben verwendete Analogie passend abzurunden: Obgleich sich Legion letzten Endes dem Heiland beugen und als Schweineherde ins Meer stürzen sollte, beugt sich die Z nicht. Vielmehr wird sich eure Gewohnheit; ja schon fast eure Hand der Maus beugen. Zumindest wenn man lernfähig und von Natur aus resistent gegen anfänglichen Frust ist. Warum selbst dieser beinahe einen biblischen Ausmaß annehmen kann, beschreibe ich später genauer.

Neben der Maus und dem Reiseetui bringt das Paket (nebst der mehr als nötigen und nicht weniger umfangreichen Bedienungsanleitung) um genau zu sein sechs unterschiedliche, gummierte Fingerkuppen und drei Basen. Während die Kuppen quasi Verlängerungen der Zusatztasten der Maus darstellen, sind die Basen das eigentliche Herz der “Innovation of CES 2017”. Die Maus ist kabelgebunden und wird per 1,8 Meter stoffummanteltes USB-Kabel an euren Rechner angeschlossen.

Statisch, Neigen oder Fliegen?

Die Maus, wie wir sie kennen ist statischer Natur. Heißt konkret: Klicken und Bewegen auf der horizontalen und vertikalen Achse hat bis jetzt erfolgreich “ausgereicht”. Die Z kommt mit drei unterschiedlichen Modi und entsprechend austauschbaren Unterlagen bzw. Basen daher um dies zu ändern. An der Unterseite der Maus sind magnetische Bereiche eingebettet, in welche die Basis der Wahl passt. Kinderleicht kann hier zwischen der traditionellen Maus, eines neigungsempfindlichen Werkzeugs und einer analogen Joystick-Maus gewechselt werden.

Zwei Füße dienen als Standard-Basis, um Maus schlicht Maus sein zu lassen. Zwei weitere hingegen liefern eine, in fünf Stufen regelbare, Neigungsfunktion nach links und rechts. Dies funktioniert völlig unabhängig von der üblichen Mausbewegung und erfordert viel Einarbeitung und eine gute Motorik. Die dritte Basis macht aus der Maus mehr oder weniger einen Analogstick – hierbei wird der Abstand zum Untergrund auf einen Mittelpunkt derart erhöht, dass sich die Maus frei nach links, rechts, vorne und hinten (mit viel Übung ggf. auch in der Diagonalen) kippen lässt.

Letzteres ist hierbei die größte Innovation abseits der unzähligen eigentlichen Tastenfunktionen und Einstellungsmöglichkeiten; sperrt jedoch den Begriff “Maus” wegen des dabei abgedeckten Sensor leider aus. Ein einfaches Wechseln der Modi ist jedoch dan magnetischer Teile “on the fly” möglich und zu Zeiten ausschweifender Einsteige-Animationen kann man ruhig auch schnell die Basis der Maus tauschen.

An der linken Seite der Maus ist das erwähnte OLED-Display platziert: Ein eigenes Logo, die derzeitigen Einstellungen, die Stärke des aktuellen Tastendrucks und mehr lassen sich auf Abruf anzeigen. Was bei vergleichbaren Nagern nur ein nettes Gimmick ist, das im Eifer des Gefechts untergeht, stellt sich bei der Z als ziemlich elementar und durchdacht heraus. Wenn die Maus leicht angehoben wird, erkennt ein Sensor dies und das Display wechselt in den Konfigurationsmodus; Profile, Sensibilität und mehr werden hierüber per Mausrad und Seitentasten durchgewechselt. Nett!

Sensibler als dein Herzschrittmacher

Sobald man über das anfängliche Staunen über das Erscheinungsbild und des Zubehörs hinweg ist, darf man sich auf weitere Überraschungen gefasst machen. Mit der entsprechenden Konfiguration bietet die Maus pro Finger (ungelogen!) bis zu zwei Dutzend Funktionen! Natürlich ist ein gewisses Maß an Einarbeitung und Konfiguration erforderlich, denn gegen die Z wirkt ein Schweizer Taschenmesser lächerlich simpel.

Die mitgelieferte Software trügt dieses Bild nicht: Wer ein virtuelles “Plug & Play”-Profil für seine Spiele und Programme sucht, wird enttäuscht. Passend umfangreich kann der Treiberkonfigurator einen schnell erschlagen und die Käufer-Euphorie gerne mal bremsen. Doch ein weiterer Blick und vielleicht eine Tasse Kaffe (oder drei) helfen über den Tellerrand hinweg zu sehen und das Einfuchsen lohnt sich. Leider liefert der Hersteller keine vorgefertigten Profile für ein Gros der beliebtesten Spiele oder Software und die Community rund um die Z befindet sich noch im Embryo-Stadium. Ein Forum und die Möglichkeit Makros, Profile und mehr untereinander zu teilen soll jedoch laut dem Hersteller und einer Ankündigung auf der Webseite irgendwann folgen.

Ich begann mit kleinen Schritten: Das Festlegen simpler Makros, wie beispielsweise die Wiedergabe einer Tastenkombination für Passworteingaben und Co, geht recht flott von der Hand. Ein entsprechender Makro-Recorder nimmt hier jede noch so kleine Bewegung und Tasteneingabe auf und “spielt” sie auf Wunsch ab. Irgendwann habe ich virtuelles Blut geleckt und mich an umfangreichere Settings gewagt: Für übliche Shooter oder 3rd-Person Titel wie The Evil Within 2 sind Dinge wie Nachladen, in Deckung gehen, et cetera zwar ganz nett per Mauseingabe, doch für den Preis von über 200 Euro erwarte ich mehr.

In den (Un-)Tiefen des Kaninchenbaus

Und ich bekam mehr. Mehr als mir lieb wahr: Nach und nach entdeckt man mehr und mehr Funktionen der Maus und Software. Es wirkt wie ein Trip als Alice in das Wunderland, denn viele Funktionen und Möglichkeiten dieses Stücks Peripherie wird auf den ersten Blick nicht beworben und kann sich auf den zweiten Blick jedoch als Gamechanger entpuppen. Gleich ein halbes Dutzend Tasten der Z sind druckempfindlich und kommen mit einer analogen(!) Sensorspanne daher. Per Software können allein durch diesen Umstand nur auf die linke Maustaste schon unzählig viele Makros und Funktionen gelegt werden. “Wer es richtig macht”, so der Tipp eines Swiftpoint-Entwicklers an mich, “setzt Vibrationspunkte an entsprechenden Stellen der Druckspanne”. Für Laien heißt das anhand eines Beispiels erklärt: Drücke ich die Taste leicht (also ~30%), führt sie die eigentliche Aktion aus. Entsprechend konfiguriert vibriert die Maus leicht bei 60% und löst eine weitere oder eine Variante der eigentlichen Funktion aus. Und das geht so weiter – in allen erdenklichen Bereichen, je nach Umfang der selbst angelegten Konfiguration.

Bestes Beispiel, für Gamer verständlich, wäre bei Playerunknown’s Battlegrounds das ADS und Fokussieren: Beides erfordert unabhängig voneinander platzierte Tasten. Während ADS hier den Blick durch Kimme und Korn der Waffen repräsentiert, ist der Fokus das Equivalent zum Luft anhalten bei Battlefield. Im normalen Alltag würde eine Kombination aus beidem ein Druck auf zwei unterschiedliche Tasten erzwingen, was einem gerne in der Hektik das Hühnchen-Frikassee verwehren kann. Mit der Z und richtiger Konfiguration hingegen, könnte die rechte Maustaste für ADS leicht und für den Fokus schlicht etwas fester durchgedrückt werden. Klingt unfair und hat definitiv das Potential zwischen Sieg und Niederlage zu entscheiden.

Doch bei solchen Mechaniken schleichen sich auch Macken ein: Die Maus und mitgelieferte Software bietet die Möglichkeit, einer Taste ganze 15 unterschiedliche Tasten zuzuweisen. In der Realität erkennt Windows und ein Gros der Spiele jedoch maximal 4 – 5 davon. Wer also stundenlang an einem Profil feilt, in Hoffnung alle seine MMO-Skills und mehr auf die reinen Tasten legen zu können, sollte auf virtuelle Tastatureingaben ausweichen. Konkret: Maustaste XY löst die Taste Z auf der Tastatur aus. Ist nicht gerade elegant, spart dennoch Zeit und führt zum gewünschten Ergebnis. Das selbe Problem besteht übrigens auch mit dem Systemseller selbst: Die Joystickfunktion wird nicht instant von allen Spielen erkannt und erfordert ein Mappen auf virtueller Controllerachsen.

Was hier nach Hochmut vor dem Fall klingt, ist jedoch einfach der saure Apfel in den jemand beissen muss, wenn er Vorteile gegenüber anderer Spieler oder schlicht einen größeren Funktionsumfang in lediglich einer Hand erwartet. Darauf sollte man sich ohnehin einlassen, wenn man bereit ist sich eine Maus in dieser (noch) exotischen Preisspanne zu zulegen.

Des Designers große Freude

Nicht umsonst bewirbt das Unternehmen die Maus als die größte Peripherie-Innovation für “Gamer, Designer and Power-Users”: Wer, wie ich, in der Medienbranche tätig ist – ganz gleich ob beruflich oder in seiner Freizeit – wird irgendwann am Rechner gestalterisch tätig. Da ich ehrenamtlich beim Videoschnitt aushelfe und schon allein für diesen Blog Grafiken anfertigen muss, kommen entsprechende Makros mehr als gelegen. Eine fixe Idee und meine Neugier waren jedoch maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich mit Swiftpoint und seiner Entwickler in Berührung kam, was zwangsläufig in die Wertung der Maus einfließen wird.

Ich beschränke mich des Umfangs wegen jedoch auf eines vieler Beispiele: Für Grafikarbeiten wäre eine Funktion hilfreich, die bei Tastendruck die Maus ein eine Achse bindet. So könnte der Nutzer ohne große Umstände oder ein Ausweichen auf digitale Werkzeuge beispielsweise gerade Linien ziehen oder die Timeline bei Programmen wie Final Cut Pro (ja, die Maus und Software sind komplett OSX-kompatibel!) im Detail steuern. Ein langes Suchen entsprechender Möglichkeiten im Treiber mündete erst in Frustration und dann in einer E-Mail an Swiftpoint. Noch mitten in der selben Nacht antwortete jemand: Ein strukturierter Guide mit elf(!) Schritten lieferte einen Workaround um die gewünschte Funktion zu ermöglichen.

Passende Fußnote: Mit der Z und etwas Geduld ist wohl beinahe alles möglich. Wer die Maus besitzt und wissen will, wie sich die Funktion umsetzen lässt, lässt einen Kommentar unter der Review.

Fazit

Wer viel Geduld, Neugier und Pioniergeist mitbringt, bereit ist etwas mehr als 200€ in einer Maus zu investieren, darf sich wahrlich auf ein Abenteuer mit all seinen Höhen und auch Tiefen einstellen. Die Swiftpoint Z liefert alles was sich ein Vollblut-Nerd wünschen könnte und noch viel mehr: Neben dem OLED-Display, der wechselbaren Basen mit möglicher Neigungs- und Joystickfunktion und einem integrierten Vibrationsmotor warten unzählige Funktionstasten und eine akribische Software auf den Käufer.

Letztere ist neben der Joystick-Funktion, welche leider verhindert dass die Maus noch “Maus” ist, der größte Manko: Leider fehlen vorgefertigte Profile für Spiele und Software; ein Einfuchsen und ausschweifendes Experimentieren ist lebensnotwendig um alles aus der Maus zu holen. Zwar will der Hersteller bald ein Forum liefern, dass den Nutzern ermöglicht Profile für gewünschte Spiele auszutauschen – doch der Preis und die Nische der Maus selbst wird vermutlich dafür sorgen, dass die Community überschaubar bleiben wird.

Grundsätzlich ist die Swiftpoint Z ein begeisterndes Stück Peripherie: So viele Funktionen bekommt man nirgends sonst für sein Geld und so betrachtet ist der CES-Award mehr als verdient. Jedoch gibt es unzählige Hürden die es zu bewältigen gibt und dagegen wirkt das Problem der minderwertigen Haptik ziemlich nichtig. Aber es muss erwähnt werden: Das Material der Maus wirkt und fühlt sich “günstig” an. Zwar sitzt alles fest und wackelt kaum, doch die Plastikoberfläche und das geringe Gewicht liefern nicht den augenscheinlichen Luxus, den man bei einem Preis von derzeit 229€ erwarten mag.


Vielen herzlichen Dank an Swiftpoint Limited und Dan Barker für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars, sowie das damit verbundene Vertrauen und die Geduld!

Swiftpoint Z

229€
Swiftpoint Z
8

Technik

10.0/10

Verarbeitung

7.5/10

Komfort

5.5/10

Software

9.0/10

Positiv

  • DER Alleskönner
  • Haptisches Feedback
  • OLED-Display
  • Umfangreiche Software

Negativ

  • Keine vorgefertigten Profile
  • Viele Workarounds nötig
  • Material fühlt sich nicht hochwertig an
  • Experimentierfreudigen Nutzern vorbehalten

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