Test: Mass Effect Andromeda

Es ist schon einige Jahre her, dass Commander Sheppard mit der Crew der Normandy durch das All reiste um den schrecklichen Plan der Reaper – das Universum zu von allem biologischen Leben zu tilgen – zu vereiteln. Ganze 600 Jahre später erwachen Tausende aus dem Kälteschlaf, weil die Reise zur benachbarten Andromeda-Galaxie ihren Höhepunkt erreicht.

Da nicht alles ist, wie es zu sein scheint und erneut eine große Bedrohung abzuwenden ist, schlüpfen wir in die Rolle des menschlichen “Pathfinders” Ryder. Welche Abenteuer uns hier erwarten, berichten wir euch nun – mit einer kleinen, unter anderem dem teils unfertigen Release-Zustand geschuldeten, Verspätung.

In einer weit entfernten Galaxie…

Als die menschliche Arche “Hyperion” in der Anromeda-Galaxie ankommt, läuft nicht unbedingt alles glatt. Unser Vater, der diensthabende “Pathfinder” – jene, die wie der Name bereits preisgibt die Zivilisation durch ein unbekanntes Universum führen – kommt bei dem ersten Einsatz nach unserer Ankunft in Andromeda auf tragische Weise ums Leben. Ohne uns in seine Pläne einzuweihen oder uns die Wahl zu lassen, überträgt er Sekunden vor seinem Tod den Dienstgrad an uns; was auch die künstliche Intelligenz “S.A.M.” an unser Bewusstsein bindet. Von nun an liegt es an Alecs Sohn oder Tochter, die Menschheit, ihre Arche Hyperion und die Nexus (das Gegenstück zur Citadel aus Mass Effect 1-3) durch das Unbekannte der neuen Galaxie und ihre Gefahren zu leiten.

Mass Effect Andromeda beschreibt einen Neuanfang in der Serie des legendären Entwicklerstudios Bioware aus Kanada. Fern von Reapern und Co gilt es von nun an, einen beheimatbaren Planeten zu finden. Vor 600 Jahren, bevor die Archen der verschiedenen Spezies zu ihrer interstellaren Reise aufbrachen, sahen noch viele Himmelskörper in Andromeda wahrlich wirtlich aus: Meere, Wälder und Wiesen waren ein Versprechen für einen idyllischen Neubeginn in einer neuen Galaxie. Leider stellt sich bei der Ankunft unserer Rasse heraus, dass sich in 600 Jahren einiges ändern kann. Wieso, weshalb und wer dahinter steckt.. – das ist die große Frage, um die sich das Spiel dreht.

Doch nicht nur dies liegt von nun an auf Ryders Schultern: Verschiedene Archen sind noch nicht angekommen, oder haben sich bei der Nexus bemerkbar gemacht. Auch die Spezies der neuen, unerforschten Galaxie fühlen uns auf den Zahn – diplomatische Beziehungen wollen aufgebaut, Probleme aller Beteiligten gelöst werden. Als wäre dies nicht genug, liegt die Schwester (beziehungsweise der Bruder) unseres Protagonisten im Koma und es gilt obendrein noch die Vergangenheit unseres Vaters aufzudecken… Es gibt also wirklich mehr als genug zu tun für Scott und Sarah Ryder.

Gemeinsam sind wir stark

Wie es in der Mass Effect Reihe üblich ist, sind wir bei unseren Abenteuern nicht auf uns allein gestellt. Neben unserem ganz persönlichen Schiff – der Tempest (Anm. d. Red.: Ein unfassbar heißes Teil!) – begleiten uns sechs Charaktere, welche nicht unterschiedlicher sein könnten. Auf jeden einzelnen werde ich aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle nicht eingehen; nur soviel: Alle sechs sind ab einem gewissen Punkt Mitglieder der Tempest-Crew. Nach einer gewissen Zeit entsteht eine unfassbar stimmige und amüsante Dynamik, welche sich nicht nur an Bord in Form von Infoboards, Emails und Gesprächen äußert.

Bei Außeneinstäzen begleiten uns je nach Wahl jeweils zwei Mitglieder der Crew. Da jeder seine individuellen Fähig- und Persönlichkeiten mit sich bringt, hat man so wieder die Möglichkeit, das Spiel an seiner bevorzugten Vorgehensweise anzupassen. Sind wir beispielsweise auf rabiate Kampfkraft aus, lohnt es sich stets einen Kroganer im Team zu haben. Subtilere Vorgehensweise bieten bekanntlich Asari und wir sind als Allroundtalent (je nach Skillung) immer mitten drin. Drei Tasten ermöglichen uns das geben von Positionsbefehlen – was wir in der Praxis aber selten genutzt hatten. Da die KI nicht oft mitten ins SPerrfeuer rannte, kam man auch gut ohne das Gimmick aus, welches direkt zu Beginn im Tutorial ausgiebig behandelt wurde.

Im Laufe der Handlung gabeln wir buchstäblich immer mehr Besatzungsmitglieder unterschiedlichster Rassen auf, bis wir letzten Endes ein zehnköpfiges Team an Bord der Tempest darstellen. Sechs hiervon sind als Kameraden im Außeneinsatz wählbar und kommen alle mit ihrer eigenen Hintergrundgeschichte und Gesprächsmöglichkeiten daher. Auch unterwegs werden wir oft Zeuge von interessanten, bis witzigen Dialogen zwischen den Begleitern. Das geht teilweise so weit, dass die Asari Peebee sexuelle Anspielungen macht, um herauszufinden ob das andere Crewmitglied bei der Fahrt im Nomad zwischendurch eingeschlafen ist.

Apropos sexuelle Anspielungen: Auch in Andromeda können wir wieder mit einem Crewmitglied anbandeln und es auf eine Beziehung und sogar Schäferstündchen hinauslaufen lassen. Bis auf die mittelmäßige Inszenierung bietet das Feature aber nicht mehr als ein Lächeln und diverse andere Dialogoptionen. Somit verkommt die Liebelei auch im neusten Teil der Serie nur zu einem Haken in dem Questlog.

Feindbilder und Zivilisationen per se

Der Antagonist der neuen Mass Effect Ableger ist indes kein witziger Gesell: Der Archon der Kett, einer expansionistischen Spezies, sucht den Heleus-Cluster und die Andromeda-Galaxie heim und unterjocht alle Rassen, die ihm dabei über den Weg laufen. Warum das so ist und wie wir ihn aufhalten können, erzählt uns die recht spannend inszenierte Haupthandlung des Spiels.

Leider sind die Kett nicht gerade die Superstars der Gegenspieler: Zu Beginn wirkt der ganze Plot überzogen, aufgedrängt und das Feinbild unfassbar inhaltslos. Zwar ändert sich das im Spielverlauf deutlich und je mehr wir über diese knöcherne Rasse aus einem anderen Cluster ans Tageslicht bringen, desto klarer wird wieso sie aufzuhalten gilt – jedoch gewinnen die Kett weder einen Schönheits- noch Charakter-Wettbewerb. Gerade der Archon wirkt anfangs unfassbar wortkarg, bietet uns nicht mehr als ein Grunzen.

Des weiteren treffen wir mit den Angarern später eine gänzlich fremde Zivilisation in der Andromeda-Galaxie. Spannend! Wie viel hätte man daraus machen können? Erste Gehversuche in Sachen Kommunikation und Vertrauen, das gegenseitige Lernen und Entdecken der Kulturen… leider wurde das alles sehr halbgar, wenn überhaupt, umgesetzt. Die größte Krux und der stärkste Immersionsbrecher hierbei: Wir tragen zwar einen Universalkommunikator um Asari, Kroganer und Co verstehen zu können – dass wir direkt und fehlerfrei mit Angara sprechen können, erklärt einem niemand. So viele ungenutzte Chancen auf einzigartige, erinnerungswürdige Momente.

Eine Galaxie liegt uns zu Füßen

Das Spannendste an dem, der Andromeda-Initiative zugrunde liegenden, Spiel ist eben der Hauptaspekt: Die Andromeda-Galaxie. Auf der Suche nach einer neuen Heimat können wir diverse Planeten erkunden, Himmelskörper nach Rohstoffe durchforsten und mit der Tempest völlig frei von einem Sonnensystem zum nächsten fliegen.

Was in der Theorie atemberaubend klingt, sieht zwar ebenso atemberaubend aus – beherbergt jedoch nicht die schier unendliche Auswahl an Möglichkeiten, die man sich hierbei vermutlich vorstellt. Von mehreren Dutzend Sternensystemen beherbergen nur 7 Systeme bereisbare Planeten – wovon praktisch 5 voll erkundbar sind. Klingt erst einmal mau, doch die Spielwelt hat es in sich!

Sind wir etwa mit dem Nomad in der heißen und gigantischen Wüste Elaadens unterwegs, spürt man sie Sonne förmlich in seinem Nacken. Die Grafikengine spielt hier sämtliche Karten aus und zaubert uns fünf extrem abwechslungsreicher Gebiete auf den Schirm. Die Atmosphäre ist schon fast mit den Händen zu greifen, wenn wir uns durch das Dickicht von Havarl kämpfen, um alte Geheimnisse der Angara-Zivilisation ans Tageslicht zu bringen.

Auf jedem Planeten gilt es, die Atmosphäre und Umwelt durch die Aktivierung alter Monolithen wiederherzustellen. Was es damit auf sich hat und wieso das geht werden wir an dieser Stelle zwar nicht verraten, aber die Geheimnisse, welche es zu entdecken gilt, lohnen sich: Das Leveldesign, die Hintergrundgeschichten und das entsprechend fulminante Ende machen viele der vorherigen Kritikpunkte wieder wett. Jeder Planet hat sein eigenes Klima, seine teilweise eigene Kultur. Hier hat jemand viel Zeit und Liebe ins Detail investiert – was beim Anblick des Gesamtbildes die problematische Entwicklungssituation nur offensichtlicher macht.

Die Technik, oh die Technik!

Wir werden hier nun nicht auf etwaige, misslungene Gesichtsanimationen eingehen. Diese wurden im Netz mehr als umfangreich genug “behandelt” und mittlerweile seit Patch 1.06 auch deutlich durch das Entwicklerteam verbessert. Nein – wir baden im Glanz der (auch in Battlefield 1) verwendeten Frostbite Engine: Die Shader, die Texturen, die Schatten.. alles aus einem Guss und weiß durchaus zu begeistern.

Ganz besonders cool: Die Oberflächen des Spiels passen sich den Klima- beziehungsweise Wetterbedingungen an. Heißt konkret: Fahren wir mit dem Nomad durch die Schneelandschaft, bildet sich eine Eisschicht auf seiner Panzerung, Sand bleibt in Elaaden auf unserer Ausrüstung kleben, regen rinnt unfassbar gut(!!!) animiert unsere Helme auf Harvald herab. Gerade in 4k blieb uns an vielen Stellen der Mund einfach offen in Anbetracht der stellenweise atemberaubenden Schönheit des Spiels.

Auch die Sequenzen in der Tempest wissen zu begeistern: So können wir die jeweiligen Himmelskörper in ihrer gigantischen Größe durch die Scheiben des Schiffs begutachten und auch das reisen von System zu System sieht einfach unfassbar gut aus. Die Frostbite Engine war offenkundig Biowares beste Entscheidung.

Und auf den Konsolen? Und der Multiplayer?

Mass Effect Andromeda läuft auf der Xbox One und Playstation 4 nahezu identisch: 1080p auf 30 Bilder pro Sekunde limitiert fordert seine Opfer in Sachen Anti-Aliasing und Schatten. Auch die Texturen leiden sehr vom Port; nicht stark, die Unterschiede sind aber auffallend. Auf der Playstation 4 Pro wartet der reine Boost-Modus mit besseren Schatten udn verbesserten Maßnahmen gegen Aliasing auf, bahnbrechend ist der UNterschied jedoch nicht. In 4k fällt die Performance überdies gelegentlich unter die 30er FPS-Marke, was einen faden Beigeschmack hat.

Der Mehrspielermodus hingegen ist dieses Mal mehr als nur eine nette Dreingabe: Fest in der Haupthandlung verwurzelt befehligen wir APEX-Sondereinsatztruppen an Randgebieten der Andromeda-Galaxie. Das Ganze lässt sich direkt aus dem Hauptspiel heraus am Terminal starten. Wahlweise kann ein Einsatztrupp auf Zeit und je nach Ressourcen ausgesandt werden, oder aber wir steigen mit bis zu drei Freunden selbst in die Action. Hierbei bewegen wir uns auf kleineren Karten von Punkt zu Punkt, müssen Wellen von Gegnern abwehren oder Gebäude einnehmen. Der Spielmodus stellte sich als angenehm herausfordernd heraus und ist eine willkommene Abwechslung im Pathfinder-Alltag.

Überdies sammeln wir auch auf diese Weise weitere, wichtige Ressourcen, die in den Ausbau der Nexus, unsere Ausrüstung oder die der Crewmitglieder fließen.

Fazit

Mass Effect Andromeda ist eines ganz besonders: Nicht perfekt, aber wirklich gut. Auf höchst ambitionierte Art und Weise will uns das Spiel eine Pioniers-Geschichte erzählen, wie kein anderes. Die Musik, die Technik, die Atmosphäre und die Crew der Tempest wissen einfach zu begeistern. Leider hapert es an vielen kleineren Punkten, was uns von einer besseren Wertung abhält: Das Craftingsystem und die Menüstruktur generell ist mehr als nur gewöhnungsbedürftig und kompliziert. Der Archon indes ist vermutlich der flachste Antagonist der Spielegeschichte.

Lohnt sich dann der Trip in die Andromeda-Galaxis? Ein ganz klares “JA!” können wir an dieser Stelle dennoch vergeben: Viel zu sehr wuchsen uns die unterschiedlichen Gesichter der Tempest ans Herz, viel zu viel gibt es in Andromeda zu erledigen, das über die Kett hinweg tröstet. Viel zu schön sind die einzelnen, frei erkundbaren Planeten gestaltet. Schade um die Reputation des Spiels im Internet, das so vieles auf problematische Gesichtsanimationen herunter bricht. Und selbst diese sind seit 1.06 Vergangenheit. Wir werden uns in der Zwischenzeit gemeinsam an einen weiteren Durchgang des Spiels machen – in Hoffnung auf ein Addon, obgleich dies wegen der aktuellen Unternehmenssituation bei Bioware wohl in den Sternen steht.


Herzlichen Dank an EA für die Bereitstellung der Testmuster.

Mass Effect: Andromeda

32,94€
Mass Effect: Andromeda
8.6

Audiovisuelle Qualität

9/10

Inhalt/ Umfang

9/10

Gameplay

9/10

Geschichte

8/10

Positiv

  • Atemberaubende Grafikqualität
  • Spannende Nebenquests
  • Schön gestaltete Welten
  • Einzigartige Charaktere
  • Kinoreife Präsentation

Negativ

  • Unübersichtliche Menüstruktur
  • Kompliziertes Craftingsystem
  • Wenige Planeten zur freien Erkundung
  • Quasi gesichtsloser Antagonist
  • Kaum Aussicht auf neue Inhalte

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