Test: Budget Cuts

Lange ist es her, als Indie-Entwickler Neat Corp seine überschaubare Demo zum VR-Titel Budget Cuts auf die Community los ließ. Damals war schnell klar: Das wird ein Hit! Nur wann?

Die gute Nachricht: Die Wartezeit ist bald vorbei. Die schlechte Nachricht? Spieler müssen neben mehr Zeit und Raum auch viel Grips mitbringen.

Arbeit macht… Laune?

Budget Cuts redet nicht viel um den heißen Brei: Ihr arbeitet in einem Büro. Und in einem Büro arbeiten ist manchmal nicht das, was ihr euch vorgestellt habt. Ändert etwas daran! Die Hintergrundgeschichte mag also geklärt sein – viel mehr tischt uns die beliebte Demo immerhin auch nicht auf. Wie sehr man sich irren kann…

Nach einem unerwartet flachen Einstieg in den Arbeitsalltag finden wir uns in einem tristen Büro eines gigantischen Konzerns wieder. Der Clou: Alle Arbeitskollegen scheinen Roboter zu sein. Clou Nummer zwei: Wir sind der einzige Angestellte, der von mit Blut gefüllten Venen durchzogen ist. Nur kein Druck, könnte man meinen. Doch wie kam es dazu? Und warum scheinen alle Roboter so zufrieden mit ihrer alles andere als zufrieden stellenden Tätigkeit zu sein? Dem gehen wir in Budget Cuts auf humorvolle Art und Weise auf den Grund.

Der Bruch im schnöden Papier-Alltag bringt uns ein Anruf einer mysteriösen Protagonistin: Einem Morpheus aus dem Matrix-Universum gleich, will sie uns zur Flucht verhelfen. Es sei Großes aufzudecken und wir müssen dabei helfen. Mehr noch: Unser Leben ist in Gefahr. Üblicherweise lassen wir uns das nicht zweimal sagen und finden uns prompt in einer waghalsigen Kombination aus Flucht und Versteckspiel wieder.

Wäre die Idee nicht abenteuerlich genug, werden wir mit einem Teleporter ausgestattet – welcher von nun an unsere Fortbewegungsmöglichkeit darstellt. Eine Sache, die auf erstem Blick nicht jedem VR-Enthusiasten gefallen dürfte. Aber keine Sorge: Diese Art der Lokomotion passt wie keine andere ins Spiel, wie die Faust aufs Auge.

Nicht alles ist nur schwarz oder weiß

Das kleine Studio Neat Corp überrascht an vielen Stellen mit erstaunlich amüsanten Handlungs-Schnipseln, die man anhand der Demo-Fassung nie kommen sah: In verschiedenen Abschnitten bekommen wir von unserer Gönnerin Informationen via Telefon zugespielt. Telefone scheinen in den Bürokomplexen der Zukunft recht rar zu sein, denn nur alle paar Abschnitte stoßen wir auf eines. Mit einem Pager erhalten wir dann Nummern, welche über das Telefontastenfeld eingetippt werden müssen.

Der anschließende Anruf gibt uns auf angenehm witzige Weise neue Hinweise, wie wir vorzugehen haben. Die Stimme unserer Komplizin ist hierbei angenehm hochwertig vertont und passt zu den übrigen Gesprächen und Kommentaren, denen wir im Spiel lauschen können. Generell nimmt sich das Spiel nicht zu ernst und wirkt in seiner Thematik trotz des eher comichaften Stils schlüssig. Zu dem Telefonat werden überdies Hinweise per Fax ausgedruckt, welche uns ebenfalls weiter helfen.

Zu Beginn treffen wir meist nur auf mechanische Angestellte, die einem bestimmten Androiden aus  Douglas Adams “Per Anhalter durch die Galaxis” sehr gleichen. Sie sind zwar mürrisch, aber fleißig am Werk und kommentieren unser Auftreten oftmals süffisant. Die eingangs erwähnte Gefahr für uns geht vielmehr von Sicherheits-Robotern aus, die uns ohne Gnade einen kurzen Prozess machen.

Im Großen und Ganzen ist das gesamte Konstrukt des Spiels nun aufs Papier gebracht – fernab vieler Inhalte und Mechaniken die wir euch aus Spoiler-Gründen vorenthalten.

AAA-Roomscale par excellence

Budget Cuts schafft etwas, das nur die wenigsten Virtual Reality Spiele wirklich transportieren können: Die Immersion der Anwesenheit. Zwar hatten wir aufgrund unseres frühen Presse-Builds ohnehin nur Zugriff auf die Roomscale-Fassung des Spiels, doch nie wurde die Mechanik der körperlichen Präsenz derart gut umgesetzt. (Anm.d.Red.: Das fertige Spiel wird neben der Roomscale-Variante auch eine Einstellung für frontale Sensoren und mehr mitbringen.)

Nicht selten hat uns das Spiel dazu gebracht, schwitzend unter einem (nicht real vorhandenen) Schreibtisch zu kauern. Mittels Teleporter lässt sich so ziemlich jeder Bereich der mehrschichtigen Level-Architektur des Spiels frei erkunden. So schafft das Spiel mit seinen Büro-Boxen, Schreibtischen und Kabelschächten einen spannenden Mix und sorgt oft dafür, dass in der Hocke gespielt werden muss.

Besonders cool: Statt wie in vergleichbaren Titeln bei ungewollten Bewegungen innerhalb der Geometrie das Geschehen komplett auszublenden, zeigt uns ein sanfter Röntgenblick, dass wir uns umpositionieren sollten. Ein anderes Hilfsmittel ist eine Lupe, die bei herumliegenden Notizen und Briefen die Texte noch einmal sauber als digitale Font anzeigt. Da die Texturen jedoch recht hochwertig daherkommen, nicht unbedingt notwendig und dennoch eine nette Geste.

Die Immersion wird noch weiter durch entsprechende Regelungen gesteigert, die uns als Spieler vermitteln, was wir aufheben können und was nicht. Die meisten Dinge, mit denen wir interagieren können, sind eingefärbt. Wurfmesser haben rote Griffe, Schubladen sind rot oder blau, Knöpfe in Fahrstühlen leuchten, etc. Dinge wie Stühle oder Dokument-Ablagen die wir nicht bewegen oder aufheben können, sind schlichtweg farblos.

So ist ein Tutorial oder ähnliches völlig obsolet und wir können uns komplett auf das Geschehen konzentrieren.

Herausforderung angenommen!

Das Spiel ist nicht so anspruchslos, wie es anfangs scheinen mag: Der Teleporter feuert kleine blaue Kugeln in die gewünschte Richtung, welche ein Fenster vor Ort öffnen. Wir können so zwar vor dem eigentlichen Teleport erspähen, ob die Luft rein ist – das Fenster funktioniert jedoch in beide Richtungen. Feindliche Roboter können uns bei einem unbeholfenen Bewegungsversuch leicht entdecken und nehmen die Jagd auf.

Viele Möglichkeiten, gegen die KI anzukommen bietet Budget Cuts nicht – zum Glück. Flucht oder Konfrontation sind hierbei einzigen Optionen; welche den Spieler gerne ins Schwitzen bringen. Dank der Letalität unserer Gegner (ein Schuss und wir sehen den “Game Over”-Schirm) müssen wir selbstständig lernen und uns anpassen. Dadurch entsteht zuweilen ein Sog aus Spannung und sensibler Planung unserer nächsten Schritte, die für noch mehr Immersion sorgen. Eine Kunst, die in der heutigen Zeit eine Seltenheit geworden ist: “Git gud, Brain.exe!”.

Das selbe gilt für die Kampfmechanik: Abseits vom, aus der Demo bereits bekannten, Pfeilwerfer ist der Spieler auf seine Präzision und Wurffähigkeit angewiesen. Im Spiel sind immer wieder Wurfmesser, Scheren und vergleichbare Utensilien versteckt – sei es in Schubladen, Schachteln oder an Wänden steckend. Da es sich um ein Spiel in der virtuellen Realität handelt, ist das Thema nicht mit einem simplen Knopfdruck gegessen. Anfangs kann diese Art der Gegnerbekämpfung zwar ziemlich frustrierend sein; doch Übung macht bekanntlich den Meister.

Der Lohn ist immens: Es gibt schnell nichts befriedigenderes als schwarzes Roboterblut. Und Budget Cuts wartet mit rund 9 Spielstunden Blutvergießen und Schleichen auf uns!

Oh die Technik

Frustrierend sind zuweilen auch technische Probleme: Nicht selten verhaspelt man sich und hat kaum die Chance vor der Security zu fliehen. Eigentlich kein Problem, denn Checkpoints liegen nicht sonderlich weit auseinander. Vielmehr bricht uns hierbei die hohe Ladezeit das Geduldsgenick: Lade-Schirme von fast über einer halben Minute Dauer bei jedem neuen Level, bei jedem Ableben – trotz SSD – sind ärgerlich.

Wir wissen nicht, inwiefern die finale Fassung des Spiels in einigen Tagen aussehen wird. Entwickler Neat Corp hat bewusst betont, dass die Presse-Version noch einige Macken mit sich bringt, die man bis zum Release ausmerzen wird. Welche das genau sind, können wir nicht beurteilen.

Abgesehen von kleineren Schnitzern bietet Budget Cuts jedoch gefühlt das sauberste VR-Bild diesseits: Die Modelle sind gestochen scharf, die Texturen zweckmäßig simpel gehalten und doch wertig. Die Architektur der Level tut ihr Übriges dazu: Mehrschichtigkeit und verschiedene verzwickte Lösungswege sorgen für komplexes Leveldesign. Die Physik der Spielwelt wirkt zunächst träge – sogar einige Glitches sorgen beim Ableben der Sicherheitsroboter für den einen oder anderen ungewollten Lacher; doch Dinge wie das Flugverhalten der Wurfmesser und des Teleport-Orbs machen das wieder wett.

Leider leidet die Presse-Version unter starken Leistungsproblemen bei Nutzern mit einer Oculus Rift. Während sich das Bildzittern und Ruckler mit einer HTC Vive überschaubar im Zaum halten, bricht die Bildrate trotz potenter Hardware auf der Rift gelegentlich spürbar ein. Das völlige Fehlen eines Menüs, etwa mit Einstellungsmöglichkeiten zur Optimierung, hilft hierbei nicht und dürfte bei vielen für Verwirrung sorgen.

Fazit

Das Warten hat sich gelohnt: Budget Cuts ist noch nach über zwei Jahren genau so charmant und spannend wie seine frühe Demo. Letztere hielt die Community verdient im Bann und versprach Großes. Das versprechen konnte das kleine Indie-Studio Neat Corp ohne Kompromisse halten: Die Roomscale-Präsenz ist großartig, das Spielprinzip spannender als manch Horror-Spiel und das Spiel bringt überdies eine amüsante Handlung mit, die weder nötig wäre noch jemand erwartet hätte.

Die Presse-Version, die wir vorweg testen durften enthielt einige technische Macken, welche laut dem Entwickler in der finalen Fassung beseitigt sein sollen. Gerade in einer Oculus Rift wurden wir mit unnötigen Leistungseinbrüchen überrascht und auch ein klassisches Menü mit etwaigen Grafik-Einstellungen fehlt komplett. Ob es letzteres tatsächlich in die Release-Form schaffen wird, bleibt abzuwarten.

Eins ist jedoch ziemlich klar: Budget Cuts wird selbst nach zwei Jahren seinem Ruf gerecht und überzeugt als mächtiger neuer Anwärter auf den VR-Einzelspielerthron. Budget Cuts dürfte eindeutig das unsterbliche Portal 2 der VR-Szene werden. Hier zeigt sich mal wieder: Geduld zahlt sich immer aus. Bravo!

Budget Cuts

Budget Cuts
9.1

Audiovisuelle Qualität

9.0 /10

Inhalt / Umfang

8.0 /10

Gameplay

9.5 /10

VR-Komfort

10.0 /10

Positiv

  • Herausragende Roomscale-Immersion
  • Setting und Gameplay aus einem Guss
  • Viele Lösungswege in allen Leveln
  • Wunderbare Kombi aus Optik und Akustik
  • Unerwartete, humorvolle Handlung

Negativ

  • Gelegentlich auftretende Glitches
  • Keinerlei Einstellungsmöglichkeiten
  • (Derzeit) Probleme für Oculus-Nutzer

One thought on “Test: Budget Cuts

  1. Hallo zusammen,

    vielen Dank für euren Test, den ich so bestätigen kann. Das Spiel liefert eine absolut tolle VR Immersion ab!
    Allerdings hatte ich auch auf der Vive teilweise harte Performance-Probleme, vor allem wenn die Wächter-Roboter zu sehen waren und besonders während ihrem Ableben.
    Allerdings nutze ich die Vive Pro. Dennoch denke ich dass das Spiel mit einer 8700K und 1080 Ti ruckelfrei laufen sollte.
    Hoffentlich fixen die das noch, ich hatte ebenfalls die Presse-Version getestet.

    Grüße
    VoodooDE

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