Meine Enttäuschung 2016 – Martin

2016 war ein wunderbares Jahr für uns Gamer. Liebgewonnene Serien wurden überraschend gut fortgesetzt, und es gab reichlich Neues und Originelles. Es war aber auch ein Jahr geprägt von hohen Erwartungen. Eine Spirale aus gelungenem Marketing und ins Unermessliche aufschaukelndem Hype in den sozialen Netzwerken führte dazu, dass beinahe jedes größere Release zunächst unrealistisch gefeiert wurde um bei der Konfrontation mit der Realität umso stärker abzustürzen. Extrembeispiele dafür waren The Division und No Mans Sky. Beide Spiele hatten bei ihrem Start mit ganz realen Problemen zu kämpfen, die in beiden Fällen zusätzlich durch suboptimale Kommunikation verstärkt wurden. Das größte Problem beider Spiele war jedoch der absolut überzogene Hype, der für viele Gamer automatisch zu einem bösen Erwachen führte.

Gamer in 2016

Nun ist Hype an und für sich keine schlechte Sache. Sich mit Wonne und Leidenschaft auf etwas zu freuen ist ein sehr positives Erlebnis. Selbst wenn am Ende das, was wir bekommen, nicht dem entspricht was wir uns vorgestellt haben, so haben die meisten Menschen eigentlich gelernt, mit der Enttäuschung angemessen umzugehen.

Das lernen wir ja schon als Kinder bei den Weihnachtsgeschenken, wenn unter dem Baum doch nur von Oma selbstgestrickte Socken und Haselnuss-Schokolade liegt statt neuem Tablet und Karten für diese tolle Band die gerade durch Deutschland tourt. Je größer der Hype, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden – das ist kein Geheimnis. Nicht umsonst heißt es, die Vorfreude sei die schönste Freude, der Volksmund weiß seit Jahrhunderten dass die Realität nicht an die Erwartung rankommt. Trotzdem – oder vielleicht gar deswegen – können wir meist die Vorfreude bewußt geniessen, und am Ende uns an der weniger spektakulären Realität trotzdem erfreuen.

Die modernen Gamer allerdings, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Plattformvorliebe, scheinen die Fähigkeit, angemessen entspannt mit Enttäuschung umzugehen, komplett verloren zu haben. Dies ist insbesondere unverständlich, als dass in einer Zeit, in der Tests und User Reviews die quasi in Echtzeit zum Release veröffentlicht werden, in einer Zeit in der fast jedes Spiel vor oder zum Release auf Streamingplatformen wie Twitch live begutachtet werden kann, inklusive Kommentar Tausender Mit-Gamer, es eigentlich keinen Grund gibt, sich über die „Katze im Sack“ zu beschweren.

Das ist ja gar nicht wie im E3 Trailer!!!

Dabei stammt die Enttäuschung zumeist aus unrealistischen Erwartungen. Ich kenne niemanden, der ernsthaft wütend ist, weil sein Baumarkt-Erlebnis nicht der Hornbach-Fernsehwerbung entspricht, und selbst meine Frau, die gerne Homeshopping Kanäle schaut, erwartet nicht dass die neuen Keramikmesser WIRKLICH erst durch einen Motorblock und anschließend durch Tomaten schneiden. Gamer hingegen erwarten nicht nur, dass Werbung genau dem Endprodukt entspricht – sie extrapolieren aus Werbebotschaften noch weit extremere Erwartungen. Satzbruchstücke die Jahre vor dem Release getätigt wurden, werden zum religiös verfolgten Dogma. Die Frustration ist vorprogrammiert, und so sind die Beschwerden.

Und was für Beschwerden es sind. Kaum ein Bereich erreicht solch eine Qualität von Widerwärtigkeit, Abscheu und Hass wie unzufriedene Gamer die ihren Unmut online kundtun. Die typischen Wünsche an Entwickler sind Feuertod, Krebs, Aids oder Vergewaltigung durch marodierende Banden – im Idealfall eine Kombination all dessen. Selbst eine kurze Verzögerung des Release führt zu Todesdrohungen. Das sind Momente die mich dazu bringen, Scham zu empfinden, Scham dafür, dass ich mich ebenfalls als Gamer identifiziere.

Meine Enttäuschung des Jahres 2016 ist daher definitiv der moderne Gamer, der Hass und Memes speit anstatt vernünftig mit Medien – und seinen eigenen Erwartungen – umzugehen. Computerspiele sind ein fantastisches Medium, welches uns einzigartige Momente beschert, großartige Geschichten erzählt, uns erfreut und bewegt. Es hat ein besseres Publikum verdient als das, was im Moment die öffentliche Diskussion bestimmt. Daher habe ich einen einzigen Wunsch für das neue Jahr: GROW THE FUCK UP, GAMERS.

 

Bilder: Shutterstock, freeimages.com

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